Hanf als Baustoff? Wer Hanf hört, denkt heute meist an Rauschmittel. Dabei kann Cannabis, eine der ältesten Nutzpflanzen der Welt, auch anderweitig verwendet werden. Hanfsamen und -öle spielen aufgrund ihres hohen Proteingehaltes eine zunehmend größere Rolle in der Ernährung, die Blüten in der Medizin. Aus Hanffasern, die bereits vor Tausenden Jahren zu Tauen, Seilen und Segeltuch verarbeitet wurden, werden auch heute wieder Stoffe hergestellt.
Darüber hinaus sind die Fasern, die zu den stärksten Pflanzenfasern der Welt gehören, in Zellstoffen, Papier oder naturfaserverstärkten Kunststoffen zu finden. Aber auch als Baustoff findet Hanf immer häufiger eine Verwendung: Die Fasern werden zu Dämmstoffen, Hanfstroh und -holz wiederum zu Hanfsteinen, auch Hanfbeton oder Hanfkalk genannt, verarbeitet. „Mit Hanf kann man alle Lebensbereiche abdecken“, sagt Werner Schönthaler, der sich seit 15 Jahren auf die Produktion von Hanfsteinen konzentriert.
Ist Hanf ein nachhaltiger Baustoff?
Hanf ist aus mehreren Gründen ein besonders nachhaltiger Baustoff. Zum einen ist er eine erneuerbare, rasch wachsende Ressource. Je nach Sorte und Bedingungen kann Hanf bis zu fünf Zentimeter täglich wachsen und bis zu vier, manchmal auch sechs, Meter hoch werden. „Auf einem Hektar kann innerhalb von fünf Monaten die für ein Einfamilienhaus benötigte Biomasse heranwachsen“, so Schönthaler. Zum anderen benötigt Hanf kaum Dünger oder Pestizide und kann bis zu 1.900 Metern Seehöhe angebaut werden. „Damit ist er regional verfügbar und könnte in Zeiten von Ressourcenknappheit einen Beitrag zur Autarkie Europas leisten“, ist der Hanfbaustein-Experte überzeugt.
Ein weiterer Pluspunkt ist die Tatsache, dass Hanf während des Wachstums Kohlenstoff bindet und für die Produktion der Baumaterialien nur wenig Energie aufgewendet werden muss. „Das heißt, er ist CO2-negativ“, so Schönthaler. Nicht zuletzt sind Hanfbaustoffe sehr langlebig, zu 100 Prozent recycelbar und energieffizient.„Ihr Wärmedämmwert ist hoch und macht eine zusätzliche Dämmung überflüssig. Mit einer 38 Zentimeter dicken Wand aus Hanfsteinen erreicht man einen U-Wert von 0,18. Mit 44 Zentimeter dicken Hanfsteinen kann man ein Passivhaus bauen“, beschreibt Schönthaler. Aufgrund seiner hohen Speichermasse wirkt er weiters temperaturregulierend – damit senkt er den Energieverbrauch für Heizung und Kühlung.

Welche Vorteile hat Hanf als Baustoff?
Abgesehen von den ökologischen Vorteilen punktet Hanf noch anderweitig: Er ist feuchtigkeits- und wie erwähnt temperaturregulierend, diffusionsoffen, dank seines hohen PH-Wertes resistent gegen Fäulnis und Schimmel und damit gut fürs Raumklima. Dass er schallisolierend und schwer entflammbar ist, sind zwei weitere Pluspunkte. Schönthaler nennt noch einen weiteren: ,„Die monolithische Bauweise ohne Dämmung, eine Hanfwand besteht nur aus Hanf, Kalk, Mineralien und Sand, ist nicht nur zu 100 Prozent recycelbar, sondern senkt auch die Gefahr für Baumängel“.
Gut für Sanierungen
Nicht nur im Neubau ist Hanf ein vielversprechender nachhaltiger Baustoff, sondern auch bei Sanierungen. Da Hanfbausteine leichter als Beton sind, wird ihm viel Potenzial bei der Aufstockung von Gebäuden und bei Dachgeschoßausbauten zugestanden. Gleiches gilt auch dann, wenn es um die Innendämmung bestehender Gebäude geht. „Bei konventionellen Dämmstoffen braucht man eine Dampfbremse. Bei Hanf ist diese wegen seiner kapillar aktiven Eigenschaften nicht erforderlich“, erklärt Schönthaler.
Hat Hanf als Baustoff auch Nachteile?
„Hanfbausteine können nur bedingt Lasten tragen. Ohne ein Holzskelett kann man damit keine tragenden Wände bauen. Auf der Baustelle ist ebenfalls Vorsicht geboten: Hanfbaustoffe, die übrigens in Österreich zugelassen sind, müssen dort vor Wasser geschützt werden, um sich nicht anzusaugen. Ein weiterer Nachteil ist der Preis, sind doch Baustoffe aus Hanf je nach Verwendungszweck um bis zu 15 Prozent teurer als herkömmliche Materialien. „Man darf dabei aber eins nicht vergessen: In der Anschaffung sind beispielsweise konventionelle Dämmstoffe günstiger. Wenn man aber die Kosten für die Entsorgung dazu rechnet, kommen jene aus Hanf unterm Strich günstiger“, ist Schönthaler überzeugt.

Foto: Hanfstein_eu
Unser Experte

Werner Schönthaler ist Geschäftsführer der Schönthaler Bausteinwerk GmbH und der Baustoffhandel GmbH in Eyrs, Südtirol. Der Baubiologe beschäftigt sich seit Jahren mit ökologischer Bauweise und gilt als Pionier im Bereich Hanfbau.
https://www.castelatsch.it/
https://hanfstein.schoenthaler.com/
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