Allergien gehören längst zu den großen Volkskrankheiten unserer Zeit. Allein in Europa leidet mittlerweile rund jeder dritte Mensch an einer allergischen Erkrankung – Tendenz steigend. Heuschnupfen, Nahrungsmittelunverträglichkeiten, Neurodermitis oder Asthma sind dabei nur die sichtbarsten Ausprägungen eines komplexen Geschehens im Körper: Das Immunsystem reagiert über – oft auf eigentlich harmlose Reize.
Im Zentrum steht dabei fast immer ein entzündlicher Prozess. Diese „stille Entzündung“ kann sich chronisch im Körper festsetzen und wird zunehmend auch mit anderen Erkrankungen in Verbindung gebracht – von Autoimmunerkrankungen bis hin zu Herz-Kreislauf-Problemen. Entsprechend groß ist das Interesse an einem möglichen Gegenmittel: der sogenannten entzündungshemmenden Ernährung.
Doch wie viel Wissenschaft steckt tatsächlich hinter diesem Konzept? Und wo beginnt die Vereinfachung? Während die moderne Ernährungsmedizin einzelne Nährstoffe, Mikronährstoffe und biochemische Prozesse analysiert, verfolgt die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) einen völlig anderen Zugang. Sie betrachtet den Menschen als energetisches System – und spricht nicht von Entzündungen, sondern von „Hitze“, „Feuchtigkeit“ oder „Stagnation“.
Im Gespräch mit TCM-Ernährungsexpertin Ruth Unger zeigt sich: Beide Perspektiven können einander ergänzen – wenn man ihre Grenzen kennt.
Frau Unger, die Traditionelle Chinesische Medizin kennt keine „Entzündung“ im westlichen Sinn, sondern spricht von Hitze, Feuchtigkeit oder Stagnation – lassen sich diese Konzepte aus heutiger Sicht mit entzündlichen Prozessen in Verbindung bringen?
Ja, diese Konzepte lassen sich aus heutiger Sicht durchaus in Verbindung bringen. Insbesondere das TCM-Muster der sogenannten „Feuchten Hitze“ – eine Kombination aus Feuchtigkeit und Hitze – zeigt viele Parallelen zu entzündlichen Prozessen, wie wir sie im Westen kennen. Die Beschwerden können dabei sehr unterschiedlich sein und reichen von Hautproblemen über Fieberblasen und Mundgeruch bis hin zu wiederkehrenden Infekten, etwa Blasenentzündungen. Aus Sicht der TCM entstehen solche Muster häufig durch ungünstige Ernährungsgewohnheiten, aber auch durch emotionale Faktoren, insbesondere wenn Gefühle über längere Zeit unterdrückt werden.
Viele TCM-Ernährungsempfehlungen basieren auf energetischen Qualitäten von Lebensmitteln. Gibt es wissenschaftliche Ansätze, die diese Einteilungen – beispielsweise „kühlend“ oder „erwärmend“ – biochemisch erklären oder zumindest teilweise bestätigen können?
Ja, solche Ansätze gibt es. Die in der TCM beschriebenen Lebensmitteleigenschaften wie „kühlend“ oder „erwärmend“ lassen sich teilweise durch biochemische und physiologische Reaktionen im Körper erklären – etwa durch Einflüsse auf Durchblutung, Stoffwechsel oder Thermogenese. In diesem Sinne sind diese Einteilungen weniger als „magisch“ zu verstehen, sondern vielmehr als eine funktionelle Beschreibung von Körperreaktionen. Gleichzeitig bleibt die TCM-Ernährung ein ganzheitliches System: Sie berücksichtigt individuelle Muster, Verdauungskraft und energetische Zusammenhänge. Diese Komplexität lässt sich nicht vollständig auf isolierte Nährstoffe oder einzelne biochemische Parameter reduzieren.
Wo sehen Sie die größten Schnittmengen – und wo die klaren Widersprüche – zwischen moderner Ernährungsforschung und TCM-Diätetik, wenn es um chronische Entzündungen geht?
Die größten Schnittmengen zwischen moderner Ernährungsforschung und TCM-Diätetik zeigen sich vor allem in den grundlegenden Empfehlungen bei chronischen Entzündungen. Beide Ansätze raten dazu, entzündungsfördernde Lebensmittel konsequent zu reduzieren – insbesondere Zucker, Weißmehlprodukte, stark verarbeitete Lebensmittel, Transfette, verarbeitetes Fleisch – also Wurstwaren – sowie Alkohol. Ebenso besteht Einigkeit darüber, dass eine überwiegend pflanzenbasierte Ernährung mit viel Gemüse und Obst unterstützend wirkt.
Unterschiede zeigen sich vor allem in der Zubereitung und Bewertung einzelner Lebensmittel. Während in der westlichen Ernährungslehre rohes Obst und Gemüse häufig als besonders gesund gilt, empfiehlt die TCM bevorzugt gekochte oder gegarte Speisen. Aus ihrer Sicht kann Rohkost die sogenannte „Feuchtigkeit“ im Körper fördern und bestehende Disharmonien – etwa im Sinne von „feuchter Hitze“ – verstärken. Auch bei Gewürzen gibt es differenzierte Betrachtungen: Lebensmittel wie Chili, Ingwer oder Kurkuma, die in der modernen Ernährungswissenschaft oft für ihre entzündungshemmenden Eigenschaften geschätzt werden, gelten in der TCM als stark erhitzend und sollten bei entsprechenden Beschwerdebildern vermieden werden.
Die Top-5 entzündungshemmenden Lebensmittel
1. Fetter Fisch (Lachs, Makrele, Sardinen)
Reich an Omega-3-Fettsäuren (EPA & DHA), die direkt in den Entzündungsstoffwechsel eingreifen. Sie hemmen die Bildung entzündungsfördernder Botenstoffe.
→ Empfehlung: 2 Portionen pro Woche
2. Beeren (Heidelbeeren, Himbeeren, Erdbeeren)
Enthalten hohe Mengen an Anthocyanen – Antioxidantien, die Zellstress reduzieren und entzündliche Prozesse bremsen.
→ Empfehlung: täglich 100–150 g
→ Besonders wirksam: Heidelbeeren (höchste antioxidative Kapazität)
3. Grünes Blattgemüse (Spinat, Grünkohl, Mangold)
Liefern Vitamin K, Magnesium und sekundäre Pflanzenstoffe, die entzündungshemmend wirken und gleichzeitig die Gefäßgesundheit unterstützen.
→ Empfehlung: mehrmals pro Woche, ideal täglich
→ Zubereitung: roh oder nur kurz gegart
4. Walnüsse
Eine der besten pflanzlichen Quellen für Omega-3-Fettsäuren (ALA) sowie Polyphenole.
→ Empfehlung: eine Handvoll täglich (ca. 30 g)
→ Zusatznutzen: gut für Herz und Gehirn
5. Extra natives Olivenöl
Enthält Oleocanthal, eine Substanz mit entzündungshemmender Wirkung, die leicht an Ibuprofen erinnert – allerdings in natürlicher, milder Form.
→ Empfehlung: 1–2 Esslöffel täglich
→ Qualität entscheidend: kaltgepresst, extra nativ
Unsere Expertin

Mag. Ruth Unger ist diplomierte Ernährungsberaterin nach TCM. Ihr Unternehmen food:wise steht für eine kluge, achtsame und individuelle Art zu essen – im Einklang mit Körper, Lebensumständen und der inneren Mitte.
Website: www.foodwise-tcm.at
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