Lehm ist einer der ältesten Baustoffe der Welt. Bereits seit Jahrtausenden werden weltweit Gebäude aus dem natürlichen Baumaterial errichtet. Auch in Österreich, konkret im Weinviertel und im Burgenland, war Lehm jahrhundertelang das vorherrschende Baumaterial. Erst im 19. Jahrhundert wurde er hier allmählich durch gebrannte Ziegel ersetzt und geriet allmählich in Vergessenheit. Im Zuge wachsender Nachhaltigkeitsbestrebungen rückt das Bauen mit Lehm nun wieder verstärkt in den Fokus moderner Architektur.
Ist Lehm als konstruktiver Baustoff geeignet?
Im Prinzip kann ein ganzes Haus aus Lehm errichtet werden. „Er eignet sich durchaus auch als konstruktiver Baustoff“, sagt Andi Breuss, Holz- und Lehmbauplaner sowie Vorsitzender des Vereins Netzwerk Lehm. Errichtet werden können die Außenwände aus luftgetrockneten Lehmsteinen beziehungsweise -ziegeln, die es bereits fertig zu kaufen gibt, oder aus Stampflehm. Bei diesem wird eine maximal 15 Zentimeter hohe Lehmschicht in die Schalungselemente gefüllt und dann mit pneumatischen Hämmern auf die Hälfte verdichtet. Eine weitere Alternative ist ein Holz-Lehm-Verbund-System, das Breuss selbst entwickelt hat. „Das ist in Kürze in der Breite erhältlich“, so der Planer. Die im Weinviertel und dem Burgenland in der Vergangenheit vorherrschende massive Wellerlehmbauweise, bei der Lehm einfach aufgehäuft wurde, ist mittlerweile keine Option. „Sie ist unwirtschaftlich und entspricht nicht mehr den bauphysikalischen Anforderungen“, so der Planer. Auch Schüttungen in Wänden und Böden, bei denen Lehm mit Holz- oder Hanffasern gemischt wird, oder ein Estrich aus Lehm sind machbar. „Noch ist der Markt für die Verwendung von Lehm als konstruktiven Baustoff aber nicht da“, sagt Breuss. Das schlägt sich auch in den Preisen nieder: „Wenn Lehm nicht in großem Maßstab verarbeitet wird, ist er teurer“, so der Lehmbau-Experte.
Lehm in Innenraum
Auch in den Innenräumen ist Lehm durchaus eine Option. Lehmbauplatten sind im Trockenausbau bereits eine nachhaltige Alternative zu Gipskartonplatten – doch auch da gibt es noch viel Luft nach oben. Bereits weit verbreitet in Österreich ist hingegen die Verwendung von Lehmputz und Lehmfarben – nicht zuletzt wegen ihrer positiven Auswirkung auf das Raumklima.

Bauen mit Lehm – das Raumklima profitiert
Die wohl wichtigste Eigenschaft von Lehm ist seine Fähigkeit, Feuchtigkeit zu regulieren. So kann Lehm bis zu 40mal mehr Feuchtigkeit aufnehmen und wieder an die Raumluft abgeben als etwa Ziegel. Dazu kommt, dass das Naturmaterial antiallergen ist, Geruch und Schadstoffe neutralisiert und die Feinstaubbildung reduziert. Die Bewohner profitieren aber noch von einer anderen Eigenschaft von Lehm, nämlich seiner hohen Speichermasse. Sie sorgt im Sommer vor Überhitzung und hält im Winter die Wärme drin.
Ist bauen mit Lehm besonders nachhaltig?
Im Gegensatz zu anderen Baustoffen benötigt Lehm, der nicht gebrannt werden muss, deutlich weniger Energie zur Herstellung als etwa Stahlbeton oder Ziegel. „Darüber hinaus ist er der einzige kreislauffähige, mineralische Baustoff“, sagt Breuss. Denn der ungebrannte Lehm kann jederzeit und unbegrenzt wieder verwendet werden. „Um plastisch und verarbeitbar zu werden, muss man ihn nur anfeuchten“, beschreibt der Planer.
Ein weiterer Pluspunkt auf der Nachhaltigkeitsseite ist die Tatsache, dass das Gemisch aus Sand, Schluff und Ton, das Beimengen von größeren Gesteinspartikeln wie Kies, Steinen oder von organischem Material enthalten kann, nahezu überall und unbegrenzt verfügbar ist. „Lehm liegt so gut wie überall in der Erde. Man muss ihn nur ausgraben und auf Kontaminationen untersuchen lassen. Gibt es keine, kann er grundsätzlich verwendet werden“, sagt Breuss, der auch auf die lange Lebensdauer eines Lehmbaus hinweist. „Richtig konstruiert, hält ein Lehmhaus sicher länger als ein Stahlbetonbau“, so der Lehmbauspezialist.

Unser Experte

Andi Breuss absolvierte zwei Studien (Holzbauarchitektur an der Universität für künstlerische und industrielle Gestaltung Linz sowie Psychologie und Soziologie an der Universität Wien). Er verfügt über langjährige Erfahrung im Bauen mit Holz, Stroh und Lehm, sowohl im Neubau als auch der Bestandserweiterung.
FAQ: Bauen mit Lehm
Ja, grundsätzlich ist das möglich. Moderne Bauweisen wie Lehmziegel, Stampflehm oder Holz-Lehm-Verbundsysteme erlauben den Einsatz auch als tragenden Baustoff. Klassische historische Methoden wie der Wellerlehmbau gelten hingegen als technisch überholt.
Der Baustoff erlebt im Zuge der Nachhaltigkeitsdebatte eine Renaissance. Er benötigt kaum Energie in der Herstellung, ist vollständig wiederverwertbar und nahezu überall verfügbar – Eigenschaften, die ihn besonders attraktiv für zeitgemäßes Bauen machen.
Lehm verbessert das Raumklima deutlich: Er reguliert die Luftfeuchtigkeit, bindet Schadstoffe und Gerüche und wirkt antiallergen. Zudem sorgen Lehmputz und -farben für ein angenehmes, natürliches Wohngefühl.
Derzeit ja – zumindest teilweise. Da Lehm noch nicht in großem industriellen Maßstab eingesetzt wird, können die Kosten höher ausfallen. Mit zunehmender Verbreitung dürfte sich dieses Verhältnis jedoch verändern.
Sehr langlebig – vorausgesetzt, es ist fachgerecht geplant und ausgeführt. Experten gehen davon aus, dass Lehmhäuser bei richtiger Konstruktion sogar eine längere Lebensdauer als Stahlbetonbauten erreichen können.
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