Fugenlos, reduziert und erstaunlich vielseitig: Mikrozement hat sich vom puristischen Architekturmaterial zur beliebten Alternative zu klassischen Fliesen entwickelt. Interior Designerin Stefanie Winter erklärt, wo sich Mikrozement im Bad einsetzen lässt, was bei Verarbeitung und Abdichtung wichtig ist – und warum die vermeintlich unkomplizierte Oberfläche besser in die Hände von Profis gehört.
Mikrozement gehört zu jenen Materialien, die einen Raum verändern können, ohne sich dabei in den Vordergrund zu drängen. Keine Fugen, kaum sichtbare Übergänge, eine mineralische Oberfläche und ein Erscheinungsbild, das je nach Verarbeitung von sehr ruhig bis bewusst lebendig reichen kann. Gerade im Badezimmer ist der Look gefragt. Doch so reduziert die fertige Fläche wirkt, so anspruchsvoll kann ihr Aufbau sein.
Was ist Mikrozement und wie wird er verarbeitet?
Mikrozement ist eine sehr dünne Beschichtung auf Zementbasis, die auf unterschiedliche Untergründe aufgebracht werden kann. Je nach Zustand und verwendetem System ist es sogar möglich, bestehende Fliesen damit zu überarbeiten. Das macht das Material insbesondere für Renovierungen interessant.
Anders als der Name vielleicht vermuten lässt, wird dabei keine massive Betonschicht eingebracht. Mikrozement wird in mehreren dünnen Schichten aufgetragen. Dazwischen wird die Oberfläche geschliffen, abschließend folgt eine Versiegelung.
Genau diese handwerkliche Verarbeitung sorgt dafür, dass keine Fläche exakt wie die andere aussieht. „Das ist auch das, was ich daran mag“, sagt Winter. „Es ist nicht komplett perfekt und gleichmäßig, sondern hat Struktur und lebt.“
Die charakteristischen Wolkungen, feinen Spachtelspuren und unterschiedlichen Nuancen sind somit kein Makel, sondern Teil des gewünschten Erscheinungsbildes.
Wo kann man Mikrozement im Bad einsetzen?
Grundsätzlich kann Mikrozement im Badezimmer sehr vielseitig eingesetzt werden: an Wänden und Böden, rund um den Waschtisch und – mit entsprechendem Aufbau – auch innerhalb der Dusche.
Besonders gut kommt das Material laut Winter auf größeren Flächen zur Geltung. „Ich mag Mikrozement sehr gerne an größeren Flächen, weil da diese ruhige, fugenlose Optik besonders schön zur Geltung kommt.“
Davon profitieren gerade kleinere Badezimmer. Während Fliesen durch Fugen ein sichtbares Raster erzeugen, kann eine durchgehende Mikrozementfläche den Raum optisch ruhiger und dadurch großzügiger erscheinen lassen.
Das bedeutet allerdings nicht, dass gleich das gesamte Badezimmer in Mikrozement ausgeführt werden muss. Im Gegenteil: Winter kombiniert das Material gerne mit Holz, Naturstein oder ausgewählten Fliesen. So bleibt der Raum abwechslungsreich und bekommt mehr Tiefe. Winter: „Für mich muss nicht immer das komplette Bad aus einem einzigen Material bestehen.“
Ist Mikrozement teurer als Fliesen?
Eine pauschale Antwort darauf gibt es nicht. Im Vergleich zu einer günstigen Standardfliese ist Mikrozement in der Regel teurer. Denn hinter der scheinbar schlichten Oberfläche steckt einiges an Arbeit: Der Untergrund muss vorbereitet werden, anschließend werden mehrere Schichten aufgetragen, geschliffen und schließlich versiegelt.
Vergleicht man Mikrozement hingegen mit hochwertigen Fliesen samt professioneller Verlegung, kann die Rechnung deutlich anders aussehen.
Besonders interessant kann das Material bei Renovierungen werden. Sind Untergrund und bestehender Fliesenbelag geeignet, lässt sich Mikrozement unter bestimmten Voraussetzungen direkt darüber auftragen. Aufwendige Abbrucharbeiten können dadurch teilweise entfallen.
Winter empfiehlt deshalb, nicht allein auf Quadratmeterpreise zu schauen: „Ich würde nie nur den Preis pro Quadratmeter vergleichen, sondern immer fragen: Was kostet mich die fertige Fläche?“
Was sind die Vor- und Nachteile von Mikrozement?
Der offensichtlichste Vorteil ist die fugenlose Optik. Große Flächen wirken ruhig und einheitlich, in kleinen Badezimmern kann das den Raum optisch vergrößern. Auch bei der Reinigung ist der Verzicht auf zahlreiche Fugen angenehm.
Hinzu kommt die gestalterische Freiheit. Farbe, Struktur und Art des Auftrags lassen sich variieren. Dadurch entsteht eine Oberfläche mit individuellem Charakter und nicht das vollkommen gleichmäßige Erscheinungsbild eines industriell gefertigten Materials.
Genau darin liegt jedoch auch eine mögliche Herausforderung. Wer eine hundertprozentig homogene Fläche erwartet, könnte mit Mikrozement weniger glücklich werden. „Jede Fläche ist ein bisschen anders“, erklärt Winter. „Das ist aber gleichzeitig etwas, das man mögen muss.“
Ein weiterer entscheidender Punkt sei die Verarbeitung. Mikrozement verzeiht Fehler im Untergrund oder im Schichtaufbau nur bedingt. Sind Vorbereitung oder Ausführung mangelhaft, können später etwa Risse oder andere Schäden auftreten. Eine professionelle Verarbeitung ist deshalb wesentlich.

Ist Mikrozement zu 100 % wasserfest?
Hier gibt es ein wichtiges Missverständnis: Mikrozement selbst ist nicht automatisch wasserdicht.
Im Badezimmer kommt es vielmehr auf das komplette System an – und insbesondere in Nassbereichen auf die fachgerechte Abdichtung unterhalb der sichtbaren Oberfläche. Dazu kommt eine geeignete Versiegelung des Mikrozements.
„Gerade im Bad kommt es auf den gesamten Aufbau darunter und auf die richtige Versiegelung an“, betont Winter. Besonders in der Dusche sollte deshalb ausschließlich mit Systemen gearbeitet werden, die ausdrücklich für die dauerhafte Belastung durch Wasser vorgesehen sind.
Sparen oder improvisieren würde die Interior Designerin hier nicht. Denn gelangt Feuchtigkeit aufgrund eines fehlerhaften Aufbaus in den Untergrund, kann die Sanierung im Nachhinein erheblich aufwendiger werden.
Wie pflegt und reinigt man Mikrozement richtig?
Im Alltag ist eine fachgerecht ausgeführte Mikrozementfläche vergleichsweise pflegeleicht. Ein Vorteil im Badezimmer: Es gibt keine klassischen Fliesenfugen, in denen sich mit der Zeit Schmutz oder Ablagerungen sammeln können.
Für die normale Reinigung genügen meist Wasser und ein milder Reiniger. Auf aggressive Putzmittel, Scheuermittel und harte Bürsten sollte hingegen verzichtet werden. Sie können die schützende Versiegelung langfristig angreifen.
Je nach Beanspruchung kann es nach einigen Jahren sinnvoll oder notwendig sein, diese Versiegelung aufzufrischen. Damit lässt sich die Oberfläche wieder entsprechend schützen, ohne den gesamten Belag erneuern zu müssen.
Kann man Mikrozement selbst auftragen oder braucht man einen Fachmann?
Mikrozement gibt es mittlerweile auch für Heimwerker. Technisch gesehen kann man das Material also durchaus selbst verarbeiten. Im Badezimmer würde Winter allerdings zur Vorsicht raten – insbesondere bei Böden und überall dort, wo regelmäßig Wasser auf die Oberfläche trifft.
Denn entscheidend ist nicht allein, ob der sichtbare Auftrag schön gelingt. Der Untergrund muss stabil und richtig vorbereitet sein, in Nassbereichen muss die Abdichtung funktionieren und auch beim Schleifen sowie bei der abschließenden Versiegelung können Fehler passieren.
An einer kleineren Wandfläche außerhalb des direkten Nassbereichs können sich erfahrene Heimwerker durchaus versuchen. Bei der Dusche ist die Empfehlung der Expertin dagegen eindeutig: „Bitte vom Profi machen lassen.“
Denn ein Fehler, der anfangs möglicherweise gar nicht sichtbar ist, kann später zu Feuchtigkeitsschäden führen – und damit deutlich teurer werden als die professionelle Ausführung von Beginn an.
Wie langlebig ist Mikrozement im Vergleich zu Fliesen oder Beton?
Bei fachgerechter Verarbeitung und entsprechender Pflege kann eine Mikrozementoberfläche viele Jahre schön bleiben. Mit einer hochwertigen Fliese konkurriert sie in puncto Widerstandsfähigkeit allerdings nur bedingt.
Eine Fliese ist grundsätzlich sehr robust und unempfindlich. Mikrozement bleibt dagegen eine beschichtete Oberfläche, deren Versiegelung sich abhängig von Nutzung und Belastung mit der Zeit abnutzen kann. Der Vorteil: Sie lässt sich erneuern.
Für Winter ist die Entscheidung deshalb letztlich auch eine Frage der Prioritäten. „Möchte ich eine möglichst robuste und unkomplizierte Oberfläche? Dann ist die Fliese nach wie vor eine super Lösung. Möchte ich aber diesen ruhigen, fugenlosen und etwas individuelleren Look, dann ist Mikrozement einfach wunderschön.“
Welche Farben und Oberflächen gibt es?
Wer bei Mikrozement automatisch an kühles Betongrau denkt, unterschätzt die gestalterischen Möglichkeiten. Mittlerweile ist das Material in zahlreichen Farbtönen erhältlich – von Weiß und Sand über Beige und Greige bis hin zu Grau, Braun oder Anthrazit.
Winter bevorzugt für Wohnräume und Badezimmer eher die wärmere Farbwelt. „Ein schönes Khaki, Greige, Sand oder warmes Beige lässt sich toll mit Holz und Naturmaterialien kombinieren und wirkt für mich oft wohnlicher als das klassische kühle Betongrau.“
Mindestens ebenso wichtig wie der Farbton ist allerdings die Verarbeitungstechnik. Je nachdem, wie das Material gespachtelt und geschliffen wird, kann dieselbe Farbe völlig unterschiedlich wirken.
Ihr Tipp deshalb: „Nicht anhand eines kleinen Farbfächers entscheiden, sondern ein möglichst großes Muster ansehen“. Erst darauf lässt sich erkennen, wie Farbe, Struktur und Spachtelbild tatsächlich zusammenspielen.
Was ist der Unterschied zwischen Mikrozement und poliertem Beton?
Auf den ersten Blick können Mikrozement und polierter Beton sehr ähnlich wirken: Beide stehen für eine reduzierte, mineralische Optik mit wenig Unterbrechungen. Konstruktiv handelt es sich jedoch um zwei völlig unterschiedliche Lösungen.
Polierter Beton besteht tatsächlich aus Beton und bildet einen entsprechend massiven Bodenaufbau. Mikrozement hingegen wird lediglich als sehr dünne Beschichtung auf einem bereits vorhandenen geeigneten Untergrund aufgetragen.
Gerade bei Renovierungen ist das ein wesentlicher Vorteil. Man kann eine betonähnliche, mineralische Optik schaffen, ohne dafür einen massiven neuen Betonboden herstellen zu müssen.
Stefanie Winter bringt den Unterschied auf eine einfache Formel: „Bei poliertem Beton ist der Beton der Boden. Beim Mikrozement ist der Mikrozement die Oberfläche.“
Damit ist Mikrozement vor allem eines: kein Ersatzmaterial, das versucht, Beton oder Fliesen zu imitieren, sondern eine eigenständige Möglichkeit der Raumgestaltung – besonders für alle, die im Badezimmer fugenlose Flächen, warme mineralische Töne und eine bewusst nicht vollkommen uniforme Oberfläche mögen.
Unsere Expertin

Stefanie Winter ist Inhaberin von S.TEFANIE. interior.studio. Für die Grazerin bedeutet Wohnen der sichtbar gewordene Ausdruck unserer Persönlichkeit. Sie entwickelt Räume, die Klarheit schaffen, Geschichten erzählen und Menschen dabei unterstützen, sich in ihrem Zuhause wirklich angekommen zu fühlen. Mit viel Gespür für Farben, Materialien und Atmosphäre verwandelt sie Häuser und Wohnungen in Lieblingsorte mit Charakter.
Website: http://www.stefanie.studio/
Ähnliche Beiträge:
Badezimmer Makeover: Ideen für frischen Wind im Bad
Legionellen vorbeugen: Ursachen, Risiken und Schutz
Wäschekörbe & Co: So gelingt die perfekte Wäscheorganisation











