Wo fühlt sich Wein in einer Wohnung am wohlsten? Muss er immer liegen? Und wie schlimm sind 20 Grad Raumtemperatur wirklich? Master Sommelier Alexander Koblinger erklärt, worauf es bei der Weinlagerung zu Hause ankommt – und warum Konstanz oft wichtiger ist als die perfekte Temperatur.
Nicht jeder hat einen Weinkeller – und trotzdem müssen gute Flaschen nicht zwangsläufig schlecht gelagert sein. Denn Wein stellt zwar gewisse Ansprüche an seine Umgebung, manche davon lassen sich aber auch in einer ganz normalen Wohnung erfüllen. Entscheidend sind vor allem Dunkelheit, Ruhe und möglichst geringe Temperaturschwankungen.
Alexander Koblinger zählt zu den renommiertesten Sommeliers Österreichs. Der Master Sommelier ist bei Döllerer in Golling im Salzburger Land seit vielen Jahren eine der prägenden Persönlichkeiten rund um das Thema Wein. Uns erklärt er, wo Wein in der Wohnung am besten aufgehoben ist, wann sich ein Weinklimaschrank lohnt – und warum sogar Rotwein nach dem Öffnen in den Kühlschrank gehört.
Herr Koblinger, Frage an den Experten: Wie lagert man Wein richtig zu Hause?
Wein braucht vor allem Konstanz. Eine möglichst gleichbleibende Temperatur, wenig bis gar kein Licht und keine starken Vibrationen sind wichtiger als ein perfekter Weinkeller. Für eine längere Lagerung sollte der Ort außerdem nicht zu trocken sein, besonders bei Flaschen mit Naturkork.
Welche Temperatur ist ideal für die Weinlagerung?
Für die langfristige Lagerung sind ungefähr 10 bis 14 Grad ideal. Entscheidend ist aber weniger die exakte Zahl als eine möglichst konstante Temperatur. Ständige Schwankungen sind problematischer als beispielsweise stabile 15 oder auch 18 Grad. Je wärmer Wein gelagert wird, desto schneller laufen Reife- und Alterungsprozesse ab.

Und was mache ich, wenn ich keinen Keller habe?
Man sucht den kühlsten, dunkelsten und temperaturstabilsten Platz. Ein innenliegender Abstellraum, ein kühler Vorraum oder ein Schrank an einer Innenwand wären hier ideal. Küche, Fensterbereiche und Plätze neben Heizkörpern oder gar einem Kachelofen sind ungeeignet. Wer hochwertige Weine über Jahre lagern möchte, kommt langfristig an einem Weinklimaschrank kaum vorbei.
Lagere ich Wein stehend oder liegend?
Flaschen mit Naturkork würde ich bei längerer Lagerung liegend aufbewahren. So bleibt der Kork in Kontakt mit dem Wein. Flaschen mit Schraubverschluss oder anderen dichten Verschlüssen können problemlos stehen. Für eine kurzfristige Lagerung spielt das eine untergeordnete Rolle.
Welche Räume in der Wohnung eignen sich am besten zur Weinlagerung?
Der beste Raum ist nicht automatisch der kühlste, sondern der konstanteste. Innenliegende Räume ohne direkte Sonne sind meist besser geeignet als Küche oder Wohnzimmer. Dachboden und Bereiche neben Heizungen sind zu vermeiden, weil dort große Temperaturschwankungen auftreten können. Das mag der Wein gar nicht.
Wie lange kann man Wein in der Wohnung lagern?
Das hängt stark vom Wein und von den Bedingungen ab. Ein Wein, der für unkomplizierten Genuss gedacht ist, wird durch zehn Jahre Lagerung nicht besser. Unter guten Bedingungen können lagerfähige Weine viele Jahre oder sogar Jahrzehnte reifen. Bei normalen Wohnungstemperaturen würde ich hochwertige Weine aber nicht wirklich langfristig lagern. Habe ich hingegen einen temperierten Raum, ist zeitlich sehr vieles möglich.
Schadet Licht dem Wein?
Ja. Vor allem starkes Sonnenlicht und UV-Licht können Wein negativ beeinflussen. Deshalb sind viele Weinflaschen dunkel gefärbt. Für die Lagerung gilt ganz einfach: Je dunkler, desto besser. Direkte Sonneneinstrahlung sollte man konsequent vermeiden.
Gibt es bei der Lagerung Unterschiede zwischen Rotwein und Weißwein?
Bei der grundsätzlichen Lagerung gibt es kaum Unterschiede. Beide profitieren von Dunkelheit, stabiler Temperatur und Ruhe. Der größere Unterschied liegt in der individuellen Lagerfähigkeit des jeweiligen Weins, nicht in seiner Farbe. Hier sollte man vielmehr in der Struktur des Weins denken. Ein großer Riesling kann deutlich länger reifen als ein einfacher Rotwein.
Ab wann lohnt sich ein Weinkühlschrank für die Wohnung?
Wenn man Wein nur wenige Wochen oder Monate aufbewahrt, nicht unbedingt. Wer jedoch hochwertige Flaschen sammelt oder Weine bewusst mehrere Jahre entwickeln möchte, für den ist ein Weinklimaschrank sehr sinnvoll. Er schafft vor allem das, was in Wohnungen schwierig ist: Konstanz.

Wie lagert man angebrochene Weinflaschen richtig?
Wieder verschließen und in den Kühlschrank stellen – auch Rotwein. Kühle Lagerung verlangsamt die Oxidation deutlich. Vor dem Trinken kann man Rotwein wieder etwas temperieren lassen. Je weniger Wein noch in der Flasche ist, desto schneller entwickelt er sich, weil mehr Sauerstoff vorhanden ist.
Welche günstigen Lösungen gibt es für die Weinlagerung ohne Keller?
Ein dunkler Schrank im kühlsten Raum ist für den Anfang oft ausreichend. Wichtig ist, Abstand zu Heizung, Herd, direkter Sonne und stark schwankenden Temperaturen zu halten. Für Weine, die wirklich lange reifen sollen, würde ich aber nicht improvisieren. Dann ist ein kleiner Weinklimaschrank langfristig die vernünftigere Investition.
Unser Experte für Weinlagerung

Alex Koblinger zählt zu den profiliertesten Sommeliers Österreichs. Der Master Sommelier verantwortet bei Döllerer in Golling die Weinwelt und wurde bereits zwölfmal zum Sommelier des Jahres ausgezeichnet. 2018 wurde er als erster Österreicher zum Sake Samurai ernannt – eine Auszeichnung für besondere Verdienste um die japanische Sake-Kultur. Seit mehr als 25 Jahren beschäftigt er sich international mit Wein, Winzern und Genusskultur.
Website: https://www.doellerer.at/
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