Perfekt eingerichtet und trotzdem persönlich: Ein Zuhause muss weder überdekoriert noch demonstrativ unperfekt sein, um Charakter zu zeigen. Interior Designerin Stefanie Winter erklärt, warum Lieblingsstücke, Materialität und mutige Entscheidungen wichtiger sind als Trends – und weshalb eine gute Wohnung niemals ganz fertig sein muss.
Makellose Sofalandschaften, perfekt arrangierte Coffeetable Books und jene Leuchte, die gerade gefühlt in jedem zweiten Interior-Feed auftaucht: Inspiration gibt es heute überall. Das Problem beginnt dort, wo aus Inspiration Austauschbarkeit wird. Denn ein Zuhause kann noch so hochwertig eingerichtet sein – wenn nichts über die Menschen erzählt, die darin leben, bleibt es eine schöne Kulisse.
Interior Designerin Stefanie Winter hat dabei keineswegs etwas gegen Perfektion. Ganz im Gegenteil. „Ich liebe es, wenn Proportionen stimmen, Farben miteinander funktionieren und man spürt, dass hinter einem Raum ein Konzept steht“, sagt sie.
Wie bekommt eine Wohnung mehr Persönlichkeit statt Katalog-Look?
Persönlichkeit bedeutet für Winter nicht, möglichst viele Dinge in einem Raum zu versammeln oder bewusst auf den perfekten Look zu verzichten. „Sie entsteht durch Entscheidungen, die etwas mit den Menschen zu tun haben, die dort leben.“
Das kann ein Bild sein, an dem man seit Jahren hängt, ein alter Sessel, eine Büchersammlung oder ein Erbstück. Vielleicht ist es auch eine Farbe, die man schon immer geliebt hat – oder ein Möbelstück, das nicht jeder wählen würde. „Ich finde, man sollte einen Raum ansehen können und irgendwann denken: Genau hier wohnen diese Menschen.“
Und das ist ein entscheidender Unterschied zur perfekt kopierten Interior-Vorlage: Ein persönlicher Raum könnte nicht genauso gut jemand anderem gehören.
Was macht Räume mit Charakter aus?
Muss dafür nicht auch ein wenig Imperfektion ins Zuhause einziehen? Nicht unbedingt, findet Winter. „Für mich dürfen Räume sehr wohl perfekt sein.“ Nur definiert sie Perfektion anders: nicht als Zustand, in dem alles neu ist, aus derselben Kollektion stammt oder einem Bild aus einem Magazin möglichst exakt entspricht. „Ich mag Räume, die durchdacht sind. Ich mag Ordnung, Struktur und ein stimmiges Gesamtbild. Aber innerhalb dieses Rahmens darf Persönlichkeit passieren.“
Vielleicht sei genau das sogar die schönste Form von Perfektion: „Ein Raum ist wunderschön gestaltet und trotzdem unverwechselbar.“
Welche Möbel und Wohnaccessoires machen ein Zuhause persönlich?
„Meistens sind es nicht die Dinge, die man genau dafür kauft“, sagt Winter. „Es sind die Dinge, die schon eine Geschichte haben.“ Das Möbelstück aus der Familie gehört ebenso dazu wie Kunst, die einem etwas bedeutet, Bücher, die tatsächlich gelesen wurden, oder ein Fundstück von einer Reise. Manche Dinge ziehen jahrelang von Wohnung zu Wohnung mit und bekommen gerade dadurch ihren Wert.
Persönlichkeit muss allerdings keineswegs immer Vintage bedeuten. Auch ein neues Möbel oder Objekt kann sofort etwas über seinen Besitzer erzählen. Entscheidend ist für Winter ein Satz: „Das bin genau ich.“
Wie lassen sich alte Möbel mit modernem Interior Design kombinieren?
Gerade das Zusammenspiel von Alt und Neu kann einem Raum jene Spannung verleihen, die komplett neu eingerichteten Wohnungen manchmal fehlt. „Wenn mir eine Kundin sagt: ,Das muss aber bleiben‘, wird es für mich oft erst richtig interessant“, erzählt Winter. Und ja, manchmal gebe es Stücke, bei denen auch sie zunächst denke: „Oje.“
Doch dann beginnt die eigentliche Gestaltung. Vielleicht braucht ein altes Möbelstück eine andere Wandfarbe, einen sehr modernen Gegenpart oder ganz einfach mehr Ruhe rundherum. „Alt und Neu müssen sich für mich nicht ähnlich sein. Viel spannender ist es, wenn sie miteinander funktionieren.“
Dann könne ein Möbel, das im falschen Umfeld altmodisch wirken würde, plötzlich zum eigentlichen Charakterstück eines Raumes werden: „Es sieht nicht mehr alt aus, sondern besonders.“
Wie viel Stil-Mix verträgt eine Wohnung?
Mehr, als man vielleicht denkt. Starre Regeln wie maximal zwei Stilrichtungen oder eine bestimmte Anzahl an Materialien hält Winter für wenig hilfreich. „Sehr viel, wenn es eine Verbindung gibt“, lautet ihre Antwort auf die Frage nach dem richtigen Stil-Mix.
Diese Verbindung kann über Farben, Materialien, wiederkehrende Formen oder eine bestimmte Grundstimmung entstehen. Wichtig ist vielmehr, Hierarchien im Raum zu schaffen. „Wenn jedes Möbelstück gleichzeitig der Star sein möchte, wird es schwierig.“
Besondere Dinge brauchen Platz, um wirken zu können. Deshalb gehört für Winter zu einem gelungenen Interior nicht nur das Hinzufügen, sondern ebenso das Weglassen. „Stil-Mix funktioniert für mich dann, wenn man die einzelnen Stile irgendwann gar nicht mehr bewusst wahrnimmt. Man sieht nicht alt, neu, modern oder klassisch. Man sieht einen stimmigen Raum.“

Welche Rolle spielen Farben und Materialien für ein gemütliches Zuhause?
Eine sehr viel größere, als ein paar Kissen oder dekorative Accessoires vermuten lassen.
„Gemütlichkeit entsteht nicht erst durch Dekoration. Sie beginnt viel früher, bei Farben, Oberflächen und Materialien“, erklärt Winter.
Holz erzeugt eine andere Atmosphäre als Hochglanz, Leinen eine andere als ein glatter Stoff, ein Wollteppich verändert das Raumgefühl stärker als so manches zusätzliche Wohnaccessoire. Auch Farbe kann viel Persönlichkeit transportieren – ohne dass gleich eine Wand in spektakulärem Pink gestrichen werden muss. „Manchmal ist es eine sehr zurückhaltende Farbwelt, die genau richtig für einen Menschen ist.“
Überhaupt ist Winter überzeugt: „Gemütlichkeit ist planbar.“
Warum wirken teure Wohnungen manchmal trotzdem unpersönlich?
Weil Preis und Persönlichkeit zwei vollkommen unterschiedliche Kategorien sind. „Ich kann die schönsten Designklassiker in einen Raum stellen und trotzdem keine Atmosphäre erzeugen“, sagt Winter. Wird nur danach ausgewählt, was hochwertig aussieht, angesagt oder allgemein als „gutes Design“ anerkannt ist, kann der Mensch hinter dem Interior verschwinden. „Für mich braucht ein Raum deshalb beides: Qualität und Persönlichkeit.“
Ein Zuhause sollte nicht wie eine Aufzählung bekannter Marken wirken. „Ich möchte nicht in einen Raum kommen und als Erstes denken: Ah, dieses Sofa kenne ich, die Leuchte kenne ich auch und den Couchtisch habe ich gerade fünfmal auf Instagram gesehen.“ Viel schöner sei ein anderer Gedanke: „Das passt hier einfach. Und idealerweise merkt man gar nicht mehr, warum.“
Wann ist eine Wohnung eigentlich fertig?
В лучшем случае — никогда полностью. Ведь в то время как глянцевые фотографии запечатлевают один-единственный идеальный момент, настоящая жизнь постоянно меняется. Дети появляются на свет или уезжают из дома, работа из дома внезапно становится важной, в путешествиях мы открываем для себя что-то новое, получаем мебель в наследство, покупаем произведения искусства или понимаем, что то, что мы любили десять лет назад, сегодня нам уже не подходит.
«Дом ведь автоматически меняется вместе с нами», — говорит Винтер. Именно поэтому хорошая концепция дизайна должна допускать изменения. «Основа должна быть чёткой и продуманной. Но в ней должно оставаться место для жизни».
Наш эксперт

Стефани Винтер — владелица студии S.TEFANIE. interior.studio. Для этой жительницы Граца интерьер — это видимое воплощение нашей индивидуальности. Она создает пространства, которые придают ясность, рассказывают истории и помогают людям по-настоящему почувствовать себя как дома. Благодаря тонкому чувству цвета, материалов и атмосферы она превращает дома и квартиры в любимые места с собственным характером.
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