In Europa leidet inzwischen rund jeder dritte Mensch – zumindest zeitweise unter Allergien oder allergischen Beschwerden. Tendenz steigend. Die Gründe dafür sind vielschichtig: veränderte Umweltbedingungen, steigende Luftverschmutzung, eine zunehmend sterile Lebensweise in der Kindheit sowie ein veränderter Lebensstil mit Stress, unausgewogener Ernährung und Schlafmangel. All das beeinflusst das Immunsystem – und damit auch seine Reaktionsbereitschaft.
Was dabei im Körper geschieht, ist im Grunde eine Fehlsteuerung: Das Immunsystem stuft harmlose Stoffe wie Pollen, Hausstaub oder bestimmte Nahrungsmittel als gefährlich ein. Es kommt zur Ausschüttung von Histamin und anderen Botenstoffen, die typische Symptome auslösen. Dazu zählen tränende oder juckende Augen, Niesen, eine verstopfte oder laufende Nase, Hautreaktionen oder auch Atembeschwerden. Besonders im Frühling und Frühsommer, wenn die Pollenkonzentration ihren Höhepunkt erreicht, berichten Betroffene von einer massiven Belastung im Alltag.
Auffällig ist zudem, dass Allergien immer häufiger erstmals im Erwachsenenalter auftreten. Der Grund liegt oft in einer schleichenden Veränderung des Immunsystems: Dauerstress, hormonelle Umstellungen, Umweltfaktoren oder Infektionen können dazu führen, dass die körpereigene Toleranz gegenüber bestimmten Stoffen verloren geht. Der Körper reagiert plötzlich sensibel auf Reize, die zuvor problemlos vertragen wurden. Wir haben mit TCM-Ernährungsberaterin Ruth Unger über das Thema gesprochen – ein Interview über Entstehung, Beeinflussung und Bekämpfung von Allergien.

Eine Frage an die Expertin: Welche Rolle spielen Faktoren wie Ernährung, Stress oder Schlaf bei der Entstehung oder Verstärkung von Allergien?
Aus Sicht der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) spielen diese Faktoren eine zentrale Rolle, da sie das Gleichgewicht im Körper maßgeblich beeinflussen. Ein Großteil unserer Energie – das sogenannte Qi – wird aus der Nahrung gebildet. Eine regelmäßige, warme und ausgewogene Ernährung stärkt diese Energie und damit das Immunsystem.
Belastend wirken hingegen vor allem kalte oder rohe Speisen, viele Milchprodukte, häufige Brotmahlzeiten sowie stark verarbeitete Lebensmittel. Auch unregelmäßiges Essen oder radikale Diäten schwächen aus TCM-Sicht die Verdauungskraft – und damit langfristig die Abwehr.
Ebenso entscheidend ist der Schlaf: In der Nacht regenerieren sich Körper und Geist, Qi und Blut werden aufgebaut. Besonders wichtig sind ausreichend Schlaf, ein stabiler Rhythmus und die Stunden vor Mitternacht. Dauerhafter Schlafmangel macht den Körper anfälliger – auch für allergische Reaktionen.
Stress wiederum stört den Energiefluss. In der TCM spricht man von einer sogenannten LeberQi-Stagnation. Die Folgen reichen von innerer Unruhe über Verspannungen bis hin zu Verdauungsproblemen – ein Kreislauf, der das Immunsystem zusätzlich schwächt.
Können Allergien auch mit der allgemeinen körperlichen Verfassung oder dem Lebensstil zusammenhängen?
Ja, in der TCM werden Allergien nie isoliert betrachtet, sondern immer im Zusammenhang mit der individuellen Konstitution und Lebensweise. Ein Teil unserer Widerstandskraft wird bereits vor der Geburt geprägt. Diese Grundkonstitution – das sogenannte Jing – bildet die Basis für ein stabiles Immunsystem. Entsprechend wichtig sind Faktoren wie eine gute Vorbereitung auf eine Schwangerschaft, aber auch Stillen und eine ausgewogene Ernährung im Kindesalter.
Darüber hinaus hat der Lebensstil einen erheblichen Einfluss. Eine ausgewogene Ernährung, ausreichend Bewegung, erholsamer Schlaf und ein bewusster Umgang mit Stress stärken den Organismus nachhaltig. Umgekehrt erhöhen dauerhafter Stress, Schlafmangel, stark verarbeitete Lebensmittel, Rauchen oder Alkohol die Anfälligkeit für Allergien deutlich.
Wie erklärt die Traditionelle Chinesische Medizin die Entstehung von Allergien?
In der TCM gelten Allergien als Ausdruck einer geschwächten Abwehrenergie, dem sogenannten Wei Qi. Dieses schützt den Körper wie eine Hülle vor äußeren Einflüssen. Ist es geschwächt, können Reize wie Pollen oder Hausstaub leichter „eindringen“ und Beschwerden auslösen.
Eine zentrale Rolle spielt dabei die Verdauungskraft, die in der TCM der „Milz“ zugeordnet wird. Ist sie geschwächt, wird weniger Energie gebildet – und damit auch weniger Abwehrenergie. Gleichzeitig steht die Milz in enger Verbindung mit der Lunge, die für die Abwehrfunktion zuständig ist. Ist dieses Zusammenspiel gestört, treten allergische Symptome leichter auf.
Auch Stress kann als sogenannter Stau des Energieflusses (Leber-Qi-Stagnation) eine Rolle spielen. Typische Anzeichen sind gereizte Augen, innere Anspannung oder Druckgefühle im Brustbereich.
Insgesamt entsteht eine Allergie aus TCM-Sicht meist durch ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren: geschwächte Verdauung, anfällige Lunge, Stress sowie eine schwächere Grundkonstitution.
Welche Möglichkeiten bietet die TCM, um Allergien langfristig zu lindern oder den Körper zu stärken?
Die TCM verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz: Ziel ist nicht nur die Linderung von Symptomen, sondern die nachhaltige Stärkung des Körpers. Im Mittelpunkt steht die Kräftigung der Verdauung („Mitte“). Empfehlenswert sind warme, regelmäßig eingenommene Mahlzeiten, gekochtes Gemüse sowie Getreide wie Reis oder Hirse. Weniger günstig sind kalte Speisen, Rohkost, viele Milchprodukte oder stark verarbeitete Lebensmittel.
Auch die Lunge kann gezielt gestärkt werden, etwa durch bestimmte Lebensmittel wie gekochte Birnen, Mandeln, Wurzelgemüse oder milde Kräutertees.
Im Frühling liegt der Fokus zusätzlich auf der Leber, die in dieser Jahreszeit besonders sensibel reagiert. Grünes Gemüse, Sprossen oder milde Tees können hier unterstützend wirken, während Alkohol und stark scharfe Gewürze eher gemieden werden sollten.
Ergänzend kommen Methoden wie Kräutertherapie oder Akupunktur zum Einsatz. Entscheidend ist dabei stets die individuelle Betrachtung: Konstitution, Beschwerden und Lebensstil bestimmen die Therapie.
Unsere Expertin

Mag. Ruth Unger ist diplomierte Ernährungsberaterin nach TCM. Ihr Unternehmen food:wise steht für eine kluge, achtsame und individuelle Art zu essen – im Einklang mit Körper, Lebensumständen und der inneren Mitte.
Website: https://foodwise-tcm.at/
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