Ein neues Haus, das nicht neu aussehen sollte. Ein offener Vierkanthof, gebaut mit Materialien, die altern dürfen. Und ein Immobilienprofi, der heute in aller Herrgottsfrüh im Stall steht, bevor er nach Wien ins Büro fährt: Wie Stephan Altenburg und seine Familie im Wienerwald eine neue Art zu leben geschaffen haben.
Um 5.45 Uhr morgens hat Stephan Altenburg heute bereits Dinge erledigt, bei denen sein früheres Ich vermutlich nicht einmal ansatzweise die Augen geöffnet hätte. Er geht in den Stall, schaut nach den Tieren, füttert und kontrolliert, ob eh alles in Ordnung ist. „Ich habe mich mein Leben lang schwergetan, in der Früh aufzustehen“, erzählt der Gründer und Eigentümer von „Altenburg Realitäten“, einem renommierten Immobilien-Unternehmen in Wien, wo er bis vor sechs Jahren auch seinen Wohnsitz hatte. Und einen anderen Rhythmus, denn das Landleben hat aus dem einstigen Morgenmuffel einen Frühaufsteher gemacht. Heute empfindet er gerade diese ersten eineinhalb Stunden als Gewinn: die Ruhe, die gute Luft, den Kontakt zu den Tieren. Einen Tag, der beginnt, bevor anderswo der erste Espresso bestellt wird.
Raus aus der Stadt, zurück aufs Land
Ganz so radikal, wie dieser Wechsel heute klingt, war er zunächst gar nicht gedacht. Altenburg, Ururenkel von Kaiser Franz Joseph, ist selbst am Land in Oberösterreich aufgewachsen, kam zum Studium nach Wien, baute hier sein Immobiliengeschäft auf und blieb. Rund 25 Jahre lang war die Bundeshauptstadt sein Lebensmittelpunkt.
Mit einer neuen Lebensphase und dem Wunsch nach einem Familienleben außerhalb Wiens kehrte allerdings die Sehnsucht nach dem Land zurück. „Meine Frau Sintija und ich haben immer gesagt, dass unsere Kinder nicht in der Großstadt aufwachsen sollen“, so Altenburg. Gesucht wurde nie kein klassisches Einfamilienhaus, sondern etwas mit Geschichte: ein alter Meierhof vielleicht, ein kleines Schloss oder ein historisches Anwesen mit einigen Hektar Grund – und all das in einer Entfernung von rund 30 bis maximal 60 Minuten von Wien.
Gefunden wurde schließlich in Brand Laaben im Wienerwald ein Ort, der nur zur Hälfte den Vorstellungen entsprach. Die Lage passte, das Grundstück ebenfalls. Der bestehende Hof jedoch war so desolat, dass eine sinnvolle Adaptierung kaum möglich erschien. Also entstand eine andere Idee: „Wir bauen etwas Neues, wo man nicht merkt, dass es etwas Neues ist“, so Altenburg.
Vier Jahre vergingen vom Finden des Grundstücks bis zum Einzug. Allein zweieinhalb davon beanspruchten Verfahren und Einsprüche. Als schließlich gebaut werden konnte, ging es dafür schnell: Rund ein Jahr später konnte die Familie einziehen.





Ein neuer Hof nach alten Regeln
Genau dieser Widerspruch macht den Gutshof Altenburg heute so reizvoll: Er ist neu und soll doch nicht neu wirken. Gemeinsam mit dem Architekten entstand eine zeitgemäße Interpretation des historischen Vierkanthofs – ein „offener Vierkanter“. Wohnhaus, Wirtschaftsgebäude mit Stall, ein weiteres Gebäude sowie eine überdachte Garage bilden ein Ensemble, das eher gewachsen als geplant erscheint.
Für Stephan Altenburg, der seit Jahrzehnten beruflich mit Immobilien zu tun hat, war dabei vieles von Anfang an klar. Nicht möglichst spektakulär sollte gebaut werden, sondern möglichst selbstverständlich. Ziegel statt experimenteller Baustoffe, klassischer Putz, ein traditionelles Ziegeldach. Vieles entstand bewusst so, wie man es auch vor Generationen hätte bauen können.
Dass nicht nur Stephan Altenburg dabei genaue Vorstellungen hatte, gehört zur Geschichte des Hauses dazu. Und seine Frau Sintija hat Erfahrung mit dem Sanieren und Erhalten alter Häuser: In Lettland hat sie mehrere stark verfallene Gebäude wieder zum Leben erweckt und daraus individuelle Unterkünfte für die Kurzzeitvermietung geschaffen.
Ein Haus, das der Landschaft folgt
Mindestens so wichtig wie das Gebäude selbst war seine Position auf dem Grundstück, das auf rund 600 Metern Seehöhe steht. Der alte Hof war, wie viele traditionelle landwirtschaftliche Anwesen, aus heutiger Wohnperspektive beinahe „verkehrt“ angeordnet: Die Tiere standen dort, wo Sonne und Aussicht am schönsten waren, das Bauernhaus eher geschützt dahinter.
Beim Neubau wurde dieses Prinzip umgedreht. Das Wohnhaus rückte dorthin, wo sich die Landschaft öffnet. Licht und Aussicht wurden zu wesentlichen Bestandteilen der Planung. Architektur bedeutet hier nicht, ein Gebäude möglichst wirkungsvoll in die Landschaft zu stellen. Vielmehr sollte es sich ihr unterordnen.
Landhaus ohne Landhaus-Klischee
Wer angesichts von Gutshof, Stallungen und Wienerwald nun automatisch an Bauernkästen, karierte Vorhänge und rustikale Inszenierungen denkt, liegt ziemlich daneben.
Denn außen mag das Anwesen selbstverständlich ins Landleben gehören, innen blieb vieles von jener Wohnkultur erhalten, die die Familie auch in Wien umgeben hatte. Möbel, Bilder und Stücke mit Familiengeschichte zogen einfach mit.
„Vom Stil der Einrichtung könnte es genauso eine Stadtwohnung sein“, sagt Altenburg. Das künstlich erzeugte Bild vom rustikalen Landhaus war nie das Ziel. Bauernkasten und Karomuster könne man vielleicht in einem Jagd- oder Wochenendhaus wollen, meint er sinngemäß. „Aber zu unserem alltäglichen Leben passt das nicht.“
Mit rund 360 Quadratmetern ist das Haus großzügig angeordnet, ohne ins Monumentale abzugleiten. Auch dahinter stand eine ziemlich pragmatische Überlegung: „Kinder werden größer und ziehen irgendwann aus“, sagt Altenburg. Warum also ein Zuhause schaffen, das später vor allem aus ungenutzten Räumen besteht? Und wie in vielen großen Häusern spielt sich das tatsächliche Familienleben ohnehin nicht dort ab, wo es der Grundriss ursprünglich vermuten ließe.
Am Ende landen alle in der Küche
Es gibt einen Salon, einen Wohnbereich, ein eigenes Esszimmer – und doch ist Altenburgs Lieblingsplatz jener Raum, in dem offenbar ohnehin alles passiert: die Küche.
Mit Frühstücksplatz und Kücheninsel ist sie Zentrum des Alltags. Hier sitzt die Familie, hier wird gekocht, geredet und organisiert. Das eigentliche Esszimmer? „Das wird dreimal im Jahr für Familienveranstaltungen genutzt“, sagt Altenburg trocken.
Wobei Gäste immer willkommen sind – und davon gibt es viele. Ein Haus am Land mit Platz, Tieren und Aussicht entwickelt schließlich eine gewisse Magnetwirkung auf Freunde und Familie. Kurz gesagt: Das vermeintlich stille Landleben ist keineswegs immer still. Besucher kommen und gehen, Nachbarn schauen vorbei, jemand bringt etwas, jemand braucht etwas – vieles geschieht spontaner als in der Stadt.
Vom Grundstück zur Landwirtschaft
Mit dem Haus erwarben die Altenburgs auch Land. Ziemlich viel Land. Und mit rund 22 Hektar stellte sich bald die Frage: Was macht man eigentlich damit?
„Dass daraus eine Landwirtschaft werden würde, war zunächst nicht bis ins Detail geplant“, sagt Altenburg. Tiere gehörten allerdings früh zur Vorstellung vom neuen Leben. Auch deshalb, weil die vier Kinder – heute 25, 23, 7 und 5 Jahre alt – einen unmittelbaren Bezug zur Landwirtschaft bekommen sollten: zu Tieren, Verantwortung und letztlich auch zum Kreislauf von Lebensmitteln. „Die beiden älteren leben zwar nicht mit uns am Hof, kommen aber sehr gerne und oft zu Besuch.“
Fast seit Anbeginn gehören Wagyu-Rinder, Damwild und Hühner zum Gutshof. Die Entscheidung für Wagyu – aktuell leben 25 am Hof – war dabei nicht nur romantisch, sondern durchaus unternehmerisch gedacht: Wer einen kleinen landwirtschaftlichen Betrieb in relativer Nähe zu Wien führt, müsse in Qualität denken, so seine Überzeugung. Masse war nie das Ziel.
Und wer Lebensmittel plötzlich dort erlebt, wo sie tatsächlich entstehen, entwickelt zwangsläufig einen anderen Blick auf Genuss. Gemüse kommt aus dem eigenen Garten, Eier von den eigenen Hühnern, Fleisch aus eigener Haltung oder aus der Region. „Man merkt einfach den Unterschied“, sagt Altenburg. Regionalität und Saisonalität werden damit weniger zum Lifestyle-Begriff als zum täglichen Leben.
Wie romantisch ist das Landleben wirklich?
Natürlich sieht vieles daran ausgesprochen idyllisch aus: morgens über die Wiesen blicken, Tiere füttern, Gemüse aus dem eigenen Garten holen. Nur bedeutet ein Hof eben auch Verantwortung.
Spontan für längere Zeit wegfahren? Schwierig. Zwei Tage funktionieren gut, danach muss organisiert werden, wer sich um die Tiere kümmert. Urlaub braucht Planung. Auch der Alltag richtet sich nicht ausschließlich nach dem eigenen Terminkalender.
Und auch das Sozialleben verändert sich. „In der Stadt“, so Altenburg, „setzt man sich ins Kaffeehaus und trifft zufällig jemanden, geht spontan aus oder nimmt eine Einladung wahr. Am Land muss man Beziehungen bewusster pflegen.“ Das empfindet der Familienmensch und begeisterte Jäger aber durchaus als Vorteil. Man wählt genauer aus, mit wem man Zeit verbringt, organisiert Kultur bewusster, lädt Freunde bewusst ein. In anderen Worten: „Das soziale Umfeld wird geringer, aber wertvoller!“ Vielleicht ist das auch eine ziemlich zeitgemäße Definition von Luxus.
Den Gutshof selbst erleben
Wer sich selbst ein Bild vom Gutshof Altenburg machen möchte, kann im hofeigenen Laden vorbeischauen und dort Produkte direkt vom Betrieb entdecken. Darüber hinaus finden am Hof immer wieder Veranstaltungen statt. Ein besonderes Highlight steht heuer noch bevor: Von 11. bis 13. Dezember lädt der Gutshof zum Adventmarkt. Aktuelle Termine und weitere Informationen finden Sie unter www.gutshof-altenburg.at
Alle Fotos: Schlossseiten.at











